Vagabund

Seemannsgarn

Vom Rauchen, Schweinswalen und Robben

Es geschah auf der westlichen Ostsee zwischen Kühlungsborn und der Insel Poel an einem wunderschönen Sommertag.

Der Wind wehte schwach aus Nordwest, das Meer glich einem stillen Waldsee,  so ruhig und so klar, wie man ihn gelegentlich aus der Fernsehwerbung kennt.

An Bord der leicht betagten holländischen Segelyacht, die wir nicht weiter benennen wollen, hatte sich eine Gesellschaft aus vier weiblichen und zwei männlichen Personen zusammen gefunden. Mit Ausnahme einer jungen Frau, die sich seit Beginn des Segeltörns auf dem Achterdeck schlafend zusammengerollt hatte, saßen oder lagen die anderen Besatzungsmitglieder trinkend, essend, gelegentlich rauchend verteilt auf dem Schiffsdeck und genossen die entspannte Atmosphäre an Bord und das gemächliche Dahinsegeln des Schiffes. 

Man hatte sich keine Strecke gesteckt, der Weg war das Ziel, segeln, miteinander Zeit verbringen, Sonne, Wind und Wasser genießen.

Die Landschaft zog in Zeitlupe vorbei, anfangs breite Strände mit sich sonnenden Menschen deren Geräusche man allerdings nicht mehr hören konnte, wegen der Entfernung zum Ufer, ab und an kreuzte man andere Segelschiffe in sicheren Entfernungen. Das Wohlbefinden, zusammengesetzt aus Wetter, Raum und Harmonie erschien unendlich. Harmonie fand sich auch in den Getränken und Speisen an Bord wieder; jeder der Crew hatte seinen Teil dazu mitgebracht und so genoss man auch eine Vielfalt kulinarischer Dinge. Die Zeit verstrich unbemerkt, die Langsamkeit des Segelns fügte sich in den Rhythmus der Menschen an Bord. 

Nach ungefähr drei Stunden, das Boot befand sich auf der Höhe von Rerick, gingen einem der rauchenden Segler an Bord die Zigaretten aus. Man half sich gegenseitig mit den Tabakwaren aus bis -  ja bis niemand mehr irgendwelche Zigaretten hatte.

Die Raucher unter den Lesern werden den Ernst der Situation schneller begreifen, den Nichtrauchern sei hier gesagt, es ist ähnlich wie Durst in der Wüste. Ob nun Nikotinsüchtig oder nicht, man beschloss die nahe gelegene Seebrücke des Ortes anzulaufen, um dort neue Rauchwaren zu bunkern. Ein kurzer Blick in die Seekarte verriet ausreichenden Tiefgang an der Brücke und schon erhielt dieser Segelausflug ein Nahziel um danach wieder Ziellos weiter zu segeln. Eine leichte Unruhe durchzog das Boot, die Seebrücke rückte näher, gleich dem Grund der See dem Kiel. Sagte die Karte doch zwei Meter Wassertiefe aus, zeigte sich die Realität jedoch viel flacher. Der Schiffsführer wurde in anbetracht der misslichen Situation noch unruhiger, auch er war Raucher. Mit jedem weiteren Meter in Richtung Brücke wurde das Wasser heller und man konnte den sandigen Untergrund genau sehen. Es waren etwas mehr als zwei Meter Abstand, als der Skipper den Befehl zur Umkehr gab. Keine Chance, zu flach war sein Kommentar - die junge Frau schlief noch immer auf dem Achterdeck.

Wer schläft, der sündigt nicht – aber er oder sie erlebt auch nichts, ob das Erlebte zur Sünde führt oder nicht, hat oft etwas mit Gelegenheiten zu tun.

Die Ruhe und Harmonie hatte sich mittels keiner Suchtattacken einiger Crewmitglieder in Ungeduld und Betriebsamkeit gewandelt. Eben noch „ der Weg ist das Ziel“ jetzt aber wollte man nur noch zurück in den Heimathafen und das so schnell wie möglich. So wurde aus einer Segeltour eine Motorbootfahrt, deren notgedrungener Weise nicht rauchende Mannschaft mit stierem Blick gen Osten peilte, womöglich dem nächsten Zigarettenautomaten entgegen. Schäumend durchschnitt das Boot die stille See; konnte man vielleicht noch schneller fahren? Die Gespräche wurden aktueller, Poesie und Seefahrerromantik wichen kürzlich erlebten Dingen und so kam man auch auf das Thema Umwelt und „ Meeresbewohner“ zu sprechen. Eine der nicht schlafenden Frauen steuerte das dahinsausende Schiff, während eine Andere den Blick über das Wasser gleiten ließ. Plötzlich kam von ihr ein Ausruf, sie habe dort soeben etwas im Wasser gesehen. Alle Augenpaare waren in die angegebene Richtung fixiert und tatsächlich, dort war Bewegung im Wasser. Die Distanz war zu groß um bestimmen zu können, was es sei, eins war klar, es musste etwas größeres sein.

Man spekulierte hin und her und kam zu dem Entschluss, es seinen entweder Robben oder Schweinswale, die man auch wieder häufiger in der Ostsee antrifft. Der Skipper stoppte die tosende Maschine und wollte somit das Boot leise an die Meeresbewohner hin gleiten lassen. Die genaue Kenntnis zu erlangen um welche Spezi es sich hierbei handele, wurde das Marinefernglas angesetzt um das Getümmel aus der Nähe zu betrachten.

Der Skipper war der festen Meinung, es seien ganz sicher Schweinswale, da er die Finnen glaubte erkannt zu haben, diese seien nämlich bei dieser Gattung sehr kurz und leicht gezackt.

Der Mitsegler mit dem Fernglas beschwor, er habe die Robben an der Schwanzflosse deutlich identifizieren können. Eine genaue Untersuchung, so war man sich einig, könne nur geschehen, wenn man noch näher an die Tiere heran käme.

 Da das Boot mittlerweile in Gänze Fahrt verloren hatte, wollte man bei absoluter Ruhe auf den Schiff, die „was sie auch waren“ irgendwie anlocken. Als erstes rempelte die Steuerfrau mit einem harten Gegenstand laut scheppernd an das metallene Steuerrad, soweit zur Ruhe!

Dann kam der Skipper auf die Idee, Schweinswale seinen so genannte Allesfresser, woher er auch immer diese Kenntnis hatte, und wollte diese Tiere mit Broten, die noch auf der Back lagen (sehr leckeres Kartoffelbrot aus Warnemünde), füttern, um sie so näher ans Boot zu locken. Gesagt getan, er begann auch gleich die Brote zu zerteilen und warf die Stücke schwungvoll den „Schweinswalen“ entgegen. Gespannt verfolgten die anderen diese Fütterung. Der Erfolg schien nicht lange auf sich warten zu lassen, kamen die Tiere doch wirklich näher an das still daliegende Segelschiff heran. Es sah so aus, als wollte sie das Boot umkreisen - und der Skipper fütterte fleißig weiter.

Man konnte immer noch nicht erkennen, waren es nun Robben oder Schweinswale da die Tiere abgetaucht waren und man von Bord aus nur Wasserbewegung und gelegentlich aufsteigende Blasen sah. Es schienen zwei bis drei Tiere zu sein sinnierte man als einem Besatzungsmitglied ein Schlauchboot nördlich unserer Position auffiel. Waren die etwa auch auf Walewatching Tour oder was machten die dort? Die Antwort kam der Mannschaft nahezu aus einem Mund:

Die setzen eine gelbe Boje - was als Seezeichen bedeutet

                                    " Taucher im Wasser"

Eilens wurde der Motor des Seglers gestartet und man versuchte unerkannt, nach der Fütterung von Tauchern, zu entkommen. In sicherer Entfernung zum Tatort, brach die gesamte Crew, mit Ausnahme der jungen Frau, die noch immer schlief, in lautes Gelächter aus. Durch diesen Lärm geweckt, drehte sich die junge Frau den anderen zu, sah sie an und entnahm einer noch vollen Packung eine Zigarette und zündete sie sich, ihre Mitreisenden nach dem Grund des Lärmens fragend , an.

Bevor das ein wenig betagte holländische Segelschiff wieder den Heimathafen ansteuerte, nahm der Skipper seiner Mannschaft das Versprechen ab, das dieses Erlebnis bis auf weiteres an Bord des Schiffes verwart bliebe.

Abschließend stellt sich nur noch eine Frage:

Die vermeintliche Schweinswalfinne, die leicht gezackte, könnte man mit einer Taucherkapuze, welche oft oben eine leichte Wellenform oder gezackt ist, erklären, aber was hat der Mann mit dem Fernglas gesehen, als er deutlich die Schwanzflosse erkannt hat?

 

Geschrieben von einem gänzlich unbeteiligtem  Jürgen Missing